Übetagebuch führen: Warum Musiker damit schneller vorankommen
Warum ein Übetagebuch beim Üben einen Unterschied macht: Reflexion, klare Ziele und echte Übezeit statt zielloses Wiederholen.
Du setzt dich ans Instrument, machst dich warm und fängst an zu spielen.
Dann spielst du die Stelle noch einmal. Und noch einmal.
Nach 30 Minuten machst du das Instrument wieder aus und hast trotzdem das Gefühl, nicht wirklich weitergekommen zu sein.
Das kennen wahrscheinlich die meisten Musiker.
Üben bedeutet nämlich nicht automatisch, dass man auch effektiv übt. Man kann eine Stunde am Instrument verbringen und dabei erstaunlich wenig lernen. Man kann aber auch 25 Minuten konzentriert an genau den Dingen arbeiten, die einen tatsächlich weiterbringen.
Ein Übetagebuch kann dabei einen überraschend großen Unterschied machen.
Nicht, weil das Aufschreiben selbst dich besser spielen lässt. Sondern weil du durch das Dokumentieren anfängst, anders zu üben.
Was ist ein Übetagebuch überhaupt?
Ein Übetagebuch ist im Grunde ein Protokoll deiner Übepraxis.
Du hältst fest, was du geübt hast, wie lange du geübt hast und woran du gerade arbeitest. Je nach System können auch Ziele, Schwierigkeiten, Aufnahmen oder kurze Notizen dazukommen.
Das kann ganz einfach aussehen:
Klavier – 30 Minuten
Bach, Takt 17–32: 15 Min.
Linke Hand separat: 5 Min.
Mit Metronom bis 72 BPM: 10 Min.
Problem: Übergang bei Takt 28 noch unsauber.
Mehr braucht es für den Anfang eigentlich nicht.
Der entscheidende Punkt kommt später: Wenn du am nächsten Tag wieder an das Instrument gehst, musst du nicht erst überlegen, wo du gestern aufgehört hast.
Du kannst direkt weitermachen.
Warum Aufschreiben beim Lernen hilft
Musiker müssen beim Üben ständig Entscheidungen treffen.
Was übe ich heute?
Welche Stelle ist gerade das größte Problem?
Soll ich das Stück komplett spielen oder nur vier Takte?
Ist es wirklich besser geworden oder fühlt es sich nur so an?
Genau diese Art von Planung, Beobachtung und Reflexion wird in der Forschung als selbstreguliertes Lernen beschrieben. Studien mit Musikern zeigen, dass ein Übetagebuch solche Prozesse unterstützen kann. In einer Untersuchung mit Klavierstudierenden wurde beispielsweise ein selbstgesteuertes Übetagebuch eingesetzt, das vor, während und nach dem Üben zur Reflexion anregte.
Das klingt zunächst etwas theoretisch.
Beim Üben ist es aber ziemlich praktisch.
Du gehst nicht mehr nur mit dem Gedanken „Ich muss heute noch üben“ ans Instrument.
Du gehst mit einer konkreten Frage hin:
Was möchte ich heute besser können als gestern?
Das ist ein großer Unterschied.
Ein Übetagebuch macht aus Übezeit echte Übezeit
Nehmen wir zwei Musiker.
Beide haben 30 Minuten Zeit.
Der erste spielt das Stück mehrmals komplett durch. An den schwierigen Stellen wird es unsauber, also spielt er weiter und versucht es beim nächsten Durchlauf noch einmal.
Der zweite schaut zunächst auf seine Notizen vom Vortag.
Er weiß: Takt 28 war das Problem.
Also beginnt er dort. Langsam. Mit Metronom. Erst die rechte Hand, dann beide Hände. Danach spielt er die Passage im Zusammenhang.
Nach 20 Minuten funktioniert die Stelle deutlich besser.
Wer hat mehr gelernt?
Nicht unbedingt derjenige, der länger gespielt hat.
Genau darum geht es beim Übetagebuch.
Es hilft dir dabei, Übezeit nicht mit Lernfortschritt zu verwechseln.
Wie viel schneller lernt man damit?
Hier sollte man vorsichtig sein.
Eine seriöse Zahl wie „20 % schneller“ oder „doppelt so schnell“ lässt sich aus der Forschung nicht ableiten. Ein Übetagebuch ist kein Trainingsprogramm, dessen Effekt man pauschal in Prozent angeben kann.
Was sich dagegen gut begründen lässt: Strukturierte, auf konkrete Aufgaben ausgerichtete Übepraxis hängt mit musikalischer Leistung zusammen. Eine Meta-Analyse von 13 Studien mit insgesamt 788 Personen fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen aufgabenspezifischer Übepraxis und musikalischer Leistung.
Das Übetagebuch hilft genau an dieser Stelle.
Es sorgt dafür, dass du deine Übezeit häufiger mit konkreten Zielen verbindest, deine Fehler beobachtest und die nächste Einheit aus dem ableitest, was tatsächlich passiert ist.
Ein einfaches Rechenbeispiel
Stell dir vor, du übst fünfmal pro Woche jeweils 30 Minuten.
Das sind 150 Minuten pro Woche.
Wenn du durch bessere Planung nur 10 % deiner Übezeit nicht mehr mit ziellosem Wiederholen oder unnötigen Umwegen verbringst, sind das 15 Minuten pro Woche.
Auf ein Jahr gerechnet sind das rund 13 Stunden zusätzliche gezielte Übezeit – ohne eine einzige Minute länger am Instrument zu sitzen.
Die 10 % sind dabei nur ein Rechenbeispiel, kein wissenschaftlich gemessener Effekt eines Übetagebuchs.
Aber genau hier liegt der interessante Gedanke:
Schneller lernen muss nicht bedeuten, mehr zu üben. Es kann auch bedeuten, weniger Zeit zu verlieren.
Ein Übetagebuch hilft dir, Fehler früher zu erkennen
Beim Üben gewöhnt man sich schnell an bestimmte Abläufe.
Man spielt eine schwierige Stelle immer wieder auf dieselbe Weise. Man merkt zwar, dass sie nicht funktioniert, verändert aber nichts daran.
Nach zehn Wiederholungen ist man nicht besser geworden – nur zehnmal durch dieselbe Schwierigkeit gelaufen.
Eine kurze Notiz kann das sichtbar machen:
„Takt 43 funktioniert bei 80 BPM, ab 90 BPM verliere ich die Gleichmäßigkeit.“
Damit hast du beim nächsten Üben schon eine Information, mit der du arbeiten kannst.
Vielleicht übst du dann nicht wieder das komplette Stück.
Vielleicht arbeitest du nur an diesem Übergang.
Das spart Zeit.
Und vor allem verhindert es, dass du dich beim Üben immer wieder im Kreis bewegst.
Du erinnerst dich nicht nur daran, was du geübt hast
Ein gutes Übetagebuch dokumentiert nicht nur Minuten.
Es dokumentiert Entscheidungen.
Zum Beispiel:
- Was war heute mein Ziel?
- Was hat funktioniert?
- Wo hatte ich Schwierigkeiten?
- Welche Übestrategie hat geholfen?
- Was sollte ich morgen wiederholen?
Gerade der letzte Punkt ist wichtig.
Denn die nächste Übeeinheit beginnt dadurch nicht wieder bei null.
Du kannst auf dem aufbauen, was du gestern herausgefunden hast.
Das ist einer der Gründe, warum Übetagebücher auch im professionellen musikalischen Umfeld interessant sind. Untersuchungen zu selbstreguliertem Üben bei Musikstudierenden zeigen, wie wichtig Planung, Überwachung und anschließende Reflexion für die Gestaltung des eigenen Übeprozesses sind.
Auch Pausen und Übeintervalle spielen eine Rolle
Ein Übetagebuch kann noch etwas sichtbar machen, das man leicht unterschätzt: wie man seine Übezeit verteilt.
Eine Studie mit Musikern untersuchte, wie sich unterschiedliche Abstände zwischen Übeeinheiten auf das Lernen einer motorischen Sequenz auswirken. Bei einer Gruppe, deren Übeeinheiten 24 Stunden auseinanderlagen, zeigte sich beim zweiten Termin eine deutliche Verbesserung der Genauigkeit.
Das ist kein Beweis dafür, dass jeder Musiker exakt 24 Stunden zwischen seinen Übeeinheiten lassen sollte.
Es zeigt aber etwas Wichtiges:
Mehrere kurze und sinnvoll verteilte Übeeinheiten können etwas anderes bewirken als eine einzige lange Sitzung.
Wenn du dein Üben dokumentierst, kannst du solche Muster bei dir selbst überhaupt erst erkennen.
Vielleicht stellst du fest, dass du morgens konzentrierter übst.
Oder dass 20 Minuten täglich bei einem bestimmten Stück mehr bringen als zweimal pro Woche eine Stunde.
Ohne Aufzeichnungen bleibt das meistens nur ein Gefühl.
Die Vorteile eines Übetagebuchs
Du gehst mit einem klaren Ziel ans Instrument
Statt „Ich muss noch üben“ steht da:
„Heute möchte ich den Übergang in Takt 28 sauber bei 80 BPM spielen.“
Das macht die Aufgabe überschaubar.
Du verlierst weniger Zeit mit Wiederholungen
Wenn du weißt, wo dein Problem liegt, kannst du gezielter daran arbeiten.
Du erkennst deinen Fortschritt
Fortschritt fühlt sich nicht immer nach Fortschritt an.
Nach vier Wochen kann eine alte Aufnahme plötzlich zeigen, dass eine Stelle inzwischen deutlich besser klingt.
Du lernst dich selbst als Musiker besser kennen
Wann übst du am konzentriertesten?
Welche Methoden funktionieren für dich?
Welche Probleme tauchen immer wieder auf?
Ein Übetagebuch kann solche Muster sichtbar machen.
Du kannst mit deiner Lehrkraft besser arbeiten
Wenn deine Lehrkraft weiß, woran du tatsächlich gearbeitet hast, kann sie die nächste Stunde besser darauf abstimmen.
Das gilt auch andersherum: Als Lehrkraft bekommst du einen Einblick darin, was zwischen den Unterrichtsstunden passiert.
Wenn du Aufnahmen, Notizen und Fortschrittsdaten mit deiner Lehrkraft teilst, lohnt zusätzlich der Blick auf DSGVO im Online-Musikunterricht.
Aber ein Übetagebuch hat auch Nachteile
Es wäre falsch, so zu tun, als wäre ein Übetagebuch für jeden automatisch die perfekte Lösung.
Der größte Nachteil ist wahrscheinlich ganz einfach:
Es kann nerven.
Wenn du jede einzelne Minute, jede Tonleiter und jeden Fehler dokumentieren möchtest, wird aus dem Üben schnell Büroarbeit.
Das ist nicht der Sinn der Sache.
Auch ein weiterer Punkt sollte bedacht werden: Ein Übetagebuch kann falschen Ehrgeiz fördern. Wer jeden Tag auf seine Minuten schaut, könnte irgendwann versuchen, eine möglichst lange Übezeit zu erreichen, anstatt sinnvoll zu üben.
Und Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte.
45 Minuten konzentriertes Arbeiten an einer schwierigen Passage können musikalisch wertvoller sein als zwei Stunden, in denen man das komplette Programm einfach nur durchspielt.
Deshalb sollte ein Übetagebuch das Üben unterstützen und nicht zum Wettbewerb mit sich selbst werden.
Was sollte in einem guten Übetagebuch stehen?
Du brauchst eigentlich nicht viel.
Für den Anfang reichen fünf Punkte:
1. Was habe ich geübt?
Stück, Etüde, Technik, Song, Improvisation etc.
2. Was war mein Ziel?
Was soll am Ende der Einheit besser sein?
3. Wie lange habe ich geübt?
Nicht als Leistungsnachweis, sondern als Orientierung.
4. Was hat funktioniert oder nicht funktioniert?
Eine kurze Notiz reicht.
5. Was mache ich beim nächsten Mal?
Damit du beim nächsten Üben direkt einsteigen kannst.
Optional kommen Aufnahmen, Noten, Videos oder andere Materialien dazu.
Mehr muss es nicht sein.
Und genau deshalb muss ein Übetagebuch nicht kompliziert sein
Früher war das oft ein Notizbuch neben dem Instrument.
Das funktioniert natürlich immer noch.
Heute kann es aber auch digital sein.
Der Vorteil: Deine Einträge sind nicht irgendwann zwischen alten Notenblättern verschwunden. Du kannst auf frühere Einträge zurückgreifen, Aufnahmen hinzufügen und – wenn du mit einer Lehrkraft arbeitest – Informationen einfacher teilen.
Genau dafür haben wir MUSIRIS entwickelt.
Du kannst darin dein Üben dokumentieren, Ziele festhalten, Übezeiten und Notizen sammeln und deinen musikalischen Fortschritt über längere Zeit nachvollziehen.
Dabei geht es nicht darum, aus Musik eine Excel-Tabelle zu machen.
Es geht darum, beim nächsten Üben nicht wieder bei null anzufangen.
Du kannst heute damit anfangen
Du brauchst dafür weder ein perfektes System noch eine neue Übestrategie.
Nimm dir heute beim nächsten Üben fünf Minuten.
Schreib auf:
Was möchte ich verbessern?
Dann übst du.
Danach notierst du kurz:
Was hat funktioniert? Was ist noch offen?
Und morgen schaust du dir diese Notiz wieder an.
Nach einer Woche hast du bereits etwas, das vorher nicht da war: einen Überblick über dein eigenes Üben.
Nach einem Monat wird daraus ein Verlauf.
Und irgendwann kannst du zurückschauen und tatsächlich sehen, wie du dich entwickelt hast.
Das ist vielleicht der größte Vorteil eines Übetagebuchs:
Du übst nicht nur. Du lernst auch, wie du besser übst.
Wenn du damit heute anfangen möchtest, kannst du dein digitales Übetagebuch direkt bei MUSIRIS einrichten.
Kostenlos bei MUSIRIS registrieren – und deine nächste Übeeinheit einfach dokumentieren.
Du musst nicht auf Montag warten. Fang beim nächsten Üben an.
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